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THEMA: Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete

Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 04 Mai 2013 10:57 #1

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Das Wetter ist für uns am Berg ein wichtiger Faktor.
Das betrifft nicht nur die Wahl der richtigen Kleidung, sondern ist wichtig für die Sicherheit.
Zwar haben wir vor der Tour meist sämtliche Möglichkeiten an Wetterinformationen zu kommen (Internet, Radio, Fernsehen),
doch sollten wir in der Lage sein, das Wetter auch unterwegs ohne diese Mittel einzuschätzen.

In diesem Teil des kurzen Wetterüberblickes geht es vor allem um großräumige Wettererscheinungen, nämlich um Tiefdruckgebiete mit ihren Fronten und ihren zugehörigen Wettererscheinungen.
Wie kann ich auch ohne die oben genannten Medien einschätzen, was auf den Wanderer zukommt?
Mit etwas Erfahrung kann ich anhand des Höhenmessers und der Wolkenentwicklung versuchen abzuschätzen, was denn da gerade am Himmel los ist. Beobachtungen des Windes runden dies ab.

Dazu zunächst etwas Theorie:
In diesem Beitrag geht es vor allem um solche Gebilde:

(Quelle: Wikipedia)

Bei diesem hübschen Gebilde handelt es sich um ein Tiefdruckgebiet mit seiner Warm- bzw. Kaltfront (hier über Island).
Tiefdruckgebiete können weit über 1000 km groß werden und sind für uns in den Bergen eine große Gefahr, denn oft bringen sie einen Wetterumschwung mit sich.
Ich möchte hierbei nicht darauf eingehen, wie diese Gebiete entstehen, sondern eher darauf, was ich beobachten kann.

Dazu ein kleines Schema eines idealen Tiefdruckgebietes. Ideal heißt: Meist sehen sie in der Praxis nicht so aus, es ist jedoch leichter sie so auf dieser Weise zu beschreiben.



(Quelle: ulweb.de)

Hierbei muss man sich vorstellen, dass so ein riesiges Gebilde über ein Gebiet hinwegzieht, meist von Westen Richtung Osten (aber auch Nordwest nach Südost, und und und)
Auf diesem Bild wären wir zunächst im Bereich des Hochdruckgebietes auf der rechten Seite.
Es herrscht ideales und beständiges Wanderwetter mit nur harmlosen Schönwetterwolken. Meist gibt es nur schwachen Wind aus östlichen Richtungen.

Das können z.B. hohe Cirrus-Wolken sein wie auf folgendem Bild


(Quelle: Wikipedia)

oder eine tiefe Cumulus-Wolke wie diese hier:


(Quelle: Wikipedia)

Doch das scheinbar so beständige Wetter wird nun gestört. Aus meist westlichen Richtungen nähert sich nun ein Tiefdruckgebiet. Und das bringt Schwung in die Atmosphäre.


(Quelle: Wikipedia)

Bevor wir überhaupt etwas am Himmel sehen, können wir eine Veränderung des Luftdruckes wahrnehmen. Obwohl wir uns in unserem Beispiel nicht bewegen, zeigt der Höhenmesser immer größere Höhen an (der Luftdruck beginnt langsam zu sinken).
Am Himmel wird die Cirrusbewölkung immer dichter:


(Quelle: Wikipedia)

Diese hohe Bewölkung wird mit der Zeit immer niedriger und dichter werden. Die nächste Wolkengattung wäre ein sogennanter Cirrostratus, eine immer noch hohe Eiswolke, die aber schon wesentlich dichter ist:


(Quelle: Wikipedia)

Durch diese Wolken schein weiterhin noch die Sonne, auch ist noch ein Schatten gut zu erkennen. Da diese Wolke aus Eiskristallen besteht (Eisprismen) kann es bei Sonnenschein zu optischen Phänomenen kommen, wie auf diesem Bild. Es handelt sich hierbei um einen sogenannten Halo.


(Quelle: Wikipedia)

Verdichten sich die Wolken weiter, scheint die Sonne zunächst noch wie durch Milchglas, es handelt sich dabei um einen Altostratus (translucidus)


(Quelle: Wikipedia)

Dies ist fast schon ein sicheres Zeichen eines bevorstehenden Wetterumschwunges.
Zusätzlich zu den Wolkenbildern sinkt der Luftdruck nun immer schneller. Der Wind dreht immer weiter auf Süd.
Die Wolken werden imm dichter, dunkler und gleichförmiger. Die Sonne hat nun keine Chance mehr und auch einzelne Regentropfen könnnen sich bereits lösen.
Die warme Luft, die zunächst nur in der Höhe wirksam wurde, setzt sich immer mehr durch, jedoch wird man das während des nun einsetzenden Niederschlags nur selten beobachten.

Bei Eintreffen der Warmfront haben wir es bei den Wolken um eine mächtige Nibostratus-Wolke zu tun, die lang anhaltenden und recht starken Regen mit sich führt. (Landregen)
Durch den Regen wird auch die Sicht immer schlechter, die Berge sind meist in Wolken gehüllt. Der Wind dreht mit dem Eintreffen der Warmfront auf West und frischt auf.


(Quelle: Wikipedia)

Der Luftdruck geht nun nicht weiter zurück und irgendwann wird es auch aufhören zu regnen (Stunden bis sogar Tage).
Danach zeigt sich das Wetter zunächst wieder recht beständig, was allerdings recht tückisch sein kann.
Zunächst haben wir konstanten Luftdruck, der Wind weht weiterhin mäßig aus West und die Luft ist recht mild.
Typische Wolken sind z.B. die Stratocumuluswolken wie diese hier:


(Quelle: Wikipedia)

Im Großen und Ganzen haben wir recht schönes Wetter. Das Problem ist, dass der Warmluftsektor schnell vorbeiziehen kann und durch die Kaltfront abgelöst wird.
Diese kommt meist ohne viel Vorwarnung herein und führt häufig auch Gewitter und Sturmböen mit sich, also gerade das, was der Bergsteiger nicht gebrauchen kann.


(Quelle: Wikipedia)

Hier ist es vor allem wieder der Luftdruck, der uns einen weiteren Wetterumschwung ankündigt. Der Luftdruck beginnt wieder zu sinken.
Mit Eintreffen der Kaltfront geht es dann plötzlich sehr schnell:
Die gerade noch relativ harmlosen und niedrigen Wolken beginnen sich plötzlich aufzutürmen und werden sehr schnell bedrohlich.
Die Typische Kaltfrontwolke ist die Cumulonimbuswolke, also auf gut Deutsch: die Gewitterwolke. Sie bringt nicht nur starke schauerartige Niederschläge (Regen, Hagel, Graupel), sondern vor allem auch Gewitter mit sich.


(Quelle: Wikipedia)

Schön an diesem Bild: Der bedrohlich wirkende Böenkragen unterhalb der Wolke. Dieser Wolkenkragen bringt z.T. sehr starke Sturmböen mit sich!

Neben diesen Wettererscheinungen steigt der Luftdruck mit Eintreffen der Front schlagartig an, die Temperatur sinkt und der Wind macht einen Sprung von West auf Nord.
In den Bergen ist die kältere Temperatur häufig auch ein Problem: Die Schneefallgrenze kann selbst im Sommer auf unter 1200 m sinken, Wege und Steige können ruckzuck vereist und verschneit sein!

Nach Durchzug der Front wird die Atmosphäre schlagartig wieder stabil, es klart auf, die Wolken werden wieder flacher.
Trotz der stabilen Lage gibt es jedoch immer wieder einzelne Schauerzellen und sogar weitere Gewitter, die sich innerhalb weniger Minuten bilden können. Daher sollte man weiterhin den Himmel im Auge behalten.

Diese Beschreibungen sind jedoch noch stark vereinfachte Beschreibungen, die natürlich von Tiefdruckgebiet zu Tiefdruckgebiet variieren können. Auch das Gebirge verändert das Verhalten und die Wettererscheinungen.
Mein Tipp: Beobachtet das Wetter, besonders im Gebirge, immer wieder. So bekommt ihr mit der Zeit einen richtigen Riecher dafür.

Gruß,
Stefan
Letzte Änderung: 04 Mai 2013 11:01 von stschwar.
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 06 Mai 2013 18:42 #2

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Danke!!! Toller Beitrag... ich fühle mich an meine Schulzeit erinnert und das meine ich jetzt positiv!
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Walter Bonatti (1930-2011)
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 06 Mai 2013 19:19 #3

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Ihr habt sowas gemacht?
Mein Erdkundelehrer sagte mir damals, dass ich Wetter unk Klima niemals verstehen werde. Tja bin halt zu blöd dazu.
Hat sich bloß nachher rausgestellt, dass er das Thema nicht kapiert hat... :P
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 06 Mai 2013 19:35 #4

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ja... Wolken, Erdbeben, Vulkane... so schlecht war das Schulsystem der DDR nicht...
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 06 Mai 2013 21:19 #5

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Mein Philosophielehrer hat auch mit dem Finger auf mich zeigend behauptet: "Jeeeeeeener dort wird niiiiiiiie ein akademisches Studium bewältigen."

Ist dann halt doch passiert... :whistle:

Vielen Dank für die kurze und anschauliche Erläuterung zu den Tiefdruckgebieten. Ich werde ab morgen mit anderen Augen durch die Welt gehen.

Und ich freue mich bereits auf das Thema "Föhn", das in den Alpen ja auch sehr wichtig ist.
"Wenn du allein bist, bist du still, und wenn du still bist - vor allem wenn du zwei Monate still bist-, bewegen sich Dinge in dir."
Silvia Vidal
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 07 Mai 2013 07:12 #6

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Föhn kommt dann bei Zeiten. Das Haartrocknerproblem ist natürlich seeeehr schön. :P
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 10 Mai 2013 08:23 #7

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Und wie so etwas in der Praxis aussieht (inklusiver Alpenstau): Heute Nacht hatten wir an den Nordalpen einen Kaltrontdurchgang.

Auf der Wetterkarte sieht es so aus:


bodenanalyse.jpg


Der blaue Punkt markiert meinen Standort.
Man sieht, dass die mit den Dreiecken markierte Front sich in Richtung des Standortes bewegt und so gegen 4 Uhr UTC hat sie dann auch uns erreicht. Meine hauseigene Wetterstation hat folgendes zu der Zeit aufgezeichnet:

kaltfront.jpg


(Blau ist die Windrichtung, Rot die Temperatur und Schwarz der Luftdruck)

Kurz vor Eintreffen der Kaltfront stieg der Luftruck an, und direkt mit Eintreffen fiel die Temperatur schlagartig, während die Windrichtung einen Sprung von Südost auf West machte.

Es war jetzt nicht ein ideales Tiefdruckgebiet wie in meinem Beispiel oben, aber die Effekte sind ähnlich.

Seit dem Eintreffen haben wir nun Dauerregen, was wir dem Stau zu verdanken haben. Dieser soll bis Morgen anhalten.
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 11 Mai 2013 11:38 #8

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Hallo Stefan,

vielen Dank für die Erläuterungen zu den Wetter-Ereignissen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Ich war zufällig um 0500 Uhr morgens wach und habe den Regen zu dieser Zeit mitgekriegt.

Eine Frage habe ich noch zum Alpenstau: Handelt es sich dabei in der Karte um die kleine Ausbuchtung in der Linie, die sich etwas westlich des blauen Punktes befindet? Dann interessiert es mich natürlich, warum an dieser Stelle kein Dreieck an der Linie klebt, sondern auf der Gegenseite ein Halbkreis angebracht ist.

Grüsse
Stephan
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Das Wetter in den Bergen - Tiefdruckgebiete 11 Mai 2013 12:50 #9

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An dieser Stelle hat sich ein weiteres kleines Tiefdruckgebiet (wahrscheinlich aufgrund des Anströmens Richtung Alpen) gebildet.

Da sich Tiefdruckgebiete drehen (auf der Nordhalbkugel gegen den Uhrzeigersinn oder auf fachdeutsch zyklonal), kommt es in diesem Gebiet zu einer "Deformation" der Kaltfront, sie dreht sich ein.
Damit wird die südlich befindende Warmluft an dieser Stelle nach Norden gepumpt und nicht wie an der restlichen Kaltfront Kaltluft von Nord nach Süden. Aus der Kaltfront wird nun in diesem kleinen Bereich eine Warmfront.


Um das etwas zu veranschaulichen: Das erste Bild hier ist die klassische Kaltfront.
Die kalte Luft wird von Norden Richtung Süden herangeführt.

front1.jpg



Es passiert nun aber folgendes: Es bildet sich innerhalb dieser Front ein weiteres kleines Tiefdruckgebiet heraus, an dem sich plötzlich die Luftzirkulation ändert:

front2.jpg


Warum sich die Zirkulationsrichtung ändert ist eigentlich ganz klar.
Schauen wir uns mal ganz kurz die Strömungsverhältisse auf der Nordhalbkugel um ein Tiefdruckgebiet an:


tief1.jpg


Der Wind weht um das Gebiet tiefen Luftdruckes gegen den Uhrzeigersinn.


Kommt es zur Bildung eines weiteren Tiefs, ändert sich großräumig um beide Druckgebiete nichts, während es innerhalb des Komplexes zu einer Änderung der Windrichtung kommt.

tief2.jpg


Soviel dazu. Verstärkt sich das 2. Druckgebiet weiter, wird die südliche Strömung noch stärker, wie hier zu sehen. Aus der ehemaligen Kaltfront wird eine Warmfront:

front3.jpg


Schaut man sich die Tiefdrucksysteme im Atlantik genauer an, so stellt man fest, das dies andauern passiert. Ein Tiefdruckgebiet ist wie an einer Kette an das andere gereiht. Und so können 5 - 6 Tiefdruckgebiete verkettet sein.
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