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THEMA: 1. Fallbeispiel - Blockaden

1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 16:40 #1

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Fangen wir doch gleich mal mit einem Fallbeispiel an. Wie wir alle wissen werden Blockaden am Klettersteig in der Unfallstatistik häufig genannt.
Blockade hört sich zunächst relativ harmlos an. Jedoch befindet sich der Blockierte in Lebensgefahr, denn in diesem Moment ist er nicht mehr in der Lage sich vernünftig zu verhalten und verbraucht gerade durch den akuten Stress und Verkrampfungen Unmengen an Energie.

Von Alleine oder innerhalb von unerfahrenen Gruppen kann dies nur selten zufriedenstellend gelöst werden.

Daher unser 1. Fallbeispiel:
Wir sind zu 2. an einem KS unterwegs der für uns ziemlich leicht ist. Das Wetter ist gut und somit ist es eine schöne Tour.
Doch vor uns ist eine 2er Gruppe unterwegs, die uns schon länger aufgefallen ist, da diese schon bei vermeindlich leichten Stellen Probleme hatten.
Doch plötzlich, an einer sehr ausgesetzen Stelle geht nichts mehr. Einer der Beiden bewegt sich kein bißchen mehr weiter, versucht sich verkrampft am Seil festzuhalten und reagiert auf Zureden seines ebenfalls überforderten Begleiters kaum.

Jetzt kommen wir ins Spiel. Was macht Ihr? Wie geht ihr in dieser Situstion vor?
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 18:10 #2

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Hi,

ist ein Abstieg über den KS möglich oder MUSS weitergegangen werden?

Gruß, Uwe
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 19:55 #3

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Nehmen wir an, der Klettersteig hat eine Kletterhöhe von 400 m. Abstiegsmöglichkeiten sind der Weg über den Klettersteig runter oder der alternative Abstieg über den Gipfel (von dort aus einfacher Bergweg ins Tal).
Der Zwischenfall passiert nach 250 Klettermetern.
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 20:55 #4

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Zuallererst muss der Begleiter sofort aufhören, hysterisch zu sein. Der Blockierte muss das Gefühl kriegen, dass die Leute um ihn herum der Sache gewachsen sind. Also würde ich erst versuchen, die Überforderung des Begleiters zu beheben.

Schritt zwei wäre meines Erachtens, den Blockierten mit einer Bandschlinge und einem Karabiner am Eisen festzumachen, damit er sich in den Gurt setzen kann. Wenn er drin sitzt, soll er mal die Augen schließen und seinen Puls runterfahren. Vielleicht löst das die Blockade.
"Wenn du allein bist, bist du still, und wenn du still bist - vor allem wenn du zwei Monate still bist-, bewegen sich Dinge in dir."
Silvia Vidal
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 21:00 #5

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Sehr gut.
Andere Vorschläge?
Letzte Änderung: 26 Apr 2013 21:01 von stschwar.
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 21:13 #6

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20 Minuten ausheulen lassen, dann gehts erfahrungsgemäß wieder...
"Ich wurde oft falsch verstanden. Häufig unternahm ich Dinge, die für andere eine Provokation waren."
Walter Bonatti (1930-2011)
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 21:25 #7

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Im Absturzgelände?
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 21:55 #8

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neee... Steph hat das doch vorher schon geregelt... Rastschlinge und so...
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 22:11 #9

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Welche Gefahren siehst Du in der jetzigen Situation?
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 22:23 #10

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Hi,

"wir" sind ja zu zweit unterwegs, d.h. jeder kann sich um eine Person kümmern.

Nachdem sich der "Blockierte" mit Rastschlinge erstmal etwas beruhigt haben könnte, würde ich eine klassische Seilschaft bevorzugen und den "Blockierten" nachsichern.

Gruß, Uwe
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1. Fallbeispiel 26 Apr 2013 22:34 #11

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Gut. Gehen wir mal die ersten Schritte bis dahin durch:

Das Prinzip ist eigentlich immer das Gleiche: derjenige mit der meisten Erfahrung in der Situation übernimmt erstmal das Kommando. Wichtig ist immer die Frage: Was kann in der jetzigen Situation maximal passieren?

Das wäre zunächst sicherlich der Absturz. Daher teilen wir uns sofort auf. Der Kollege kümmert sich um den Seilpartner und versucht bei der Gelegenheit ein paar Infos zu beschaffen. Z.B. Informationen zum Können des Blockierenden, Traingszustand, Krankheiten usw.
Ich geh zur gleichen Zeit zum Blockierten und stell mich kurz vor. Grias Di, ich bin der Stefan. Ich werde Dir jetzt helfen und ich bleib solange wie Du mich brauchst bei Dir.
Jetzt kommt die schnelle Sicherung mittels Bandschlinge / Karabiner.
Dabei kurz und prägnant erklären: ich sichere Dich kurz. Damit wirst Du dich sicherer fühlen.

Alles was gemacht wird wird ruhig und besonnen gemacht. Keine Hektik und zeigt: ich habe die Lage unter Kontrolle und ich werde Dir Sicherheit geben.

Ok soweit?
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1. Fallbeispiel 27 Apr 2013 00:09 #12

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Grundsätzlich erklären was man tut "ich leg dir ne Restschlinge an" "versuch dich reinzusetzen damit du ausruhen kannst"
"Mein Bergpartner hier und ich können helfen"
Man könnte etwas zu trinken und n Stück Schokolade organisieren, das peppelt etwas auf und lenkt den Blick von der akuten Situation für nen Moment ab.
je genauer du planst, desto härter trifft dich der Zufall.

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1. Fallbeispiel 27 Apr 2013 07:31 #13

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Dem anderen dabei Ruhe und Sicherheit vermitteln. Ihm das Gefühl geben, dass ich weiss wie es ihm geht, und dass ich mich jetzt um ihn kümmere. Ihm unterschwellig die Botschaft zukommen lasse "Dir wird geholfen, und Du kommst sicher wieder runter".
Die meisten Menschen [..] erleben die Natur als enttäuschende Umsetzung von TV-Eindrücken oder als Bedrohung.
Hans Lozza, Wanderführer durch den Schweizer Nationalpark
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1. Fallbeispiel 27 Apr 2013 08:19 #14

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Ich finde es ganz wichtig, dass man den Blockierten immer wieder fragt: "Geht das ok?", "Bist du bereit?", "Ist es ok?" und nicht einfach macht (außer natürlich, es herrscht ein Notfall oder eine lebensgefährliche Situation vor - was wohl meistens eher nicht der Fall ist). Stichwort Dialog!

Ich hatte selber schon leichte Blockaden und mir isses passiert, dass dann andere einfach was gemacht haben oder auf mich eingequatscht haben. Das war sehr kontraproduktiv und hat die Angst noch mehr verstärkt. Daher eben mein Tipp: "Einfach mal 20 Minuten heulen lassen" gar net so schlecht :-).
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Walter Bonatti (1930-2011)
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1. Fallbeispiel 27 Apr 2013 08:24 #15

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Blockaden, bei denen sich der Betroffene kaum noch rühren können sind schon etwas seltsames.
Durch die Angst, und der permanente Fokus des Jenigen auf das nicht mehr Weiterklettern können, schafft er es sich in einen Zustand zu schieben an dem Weitergehen, manchmal sogar fast sämtliche Bewegungen unmöglich sind. Der Betroffene hat manchmal sogar das Gefühl, das es unmöglich scheint, die Hand vom Seil oder Fels zu lösen.
Solche Zustände kann man z.B. auch mit einer Hypnose hervorrufen. Man "klebt" z.B. die Hände desjenigen fest zusammen und er bekommt diese nicht mehr voneinander getrennt. Er weiß zwar, dass er die Hände lösen könnte, schafft es aber nicht. Sein Fokus liegt darauf, seine Hände nicht zu bewegen.
Deshalb ist dieser Zustand einer Trance nicht unähnlich und kann sogar ein Vorteil sein, wenn man weiß, wie man damit umgeht.
Zunächst einmal ist der arme Hund nun gesichert, Abstürzen kann er nicht, das Wetter ist schön und wir haben somit alle Zeit der Welt.
Ich bekomme auch recht schnell mit, in welchem körperlichen Zustand er sich befindet. Ist er total KO? Erschöpft? Unterzuckert?
Die Schokolade ist jetzt eine super Idee. Auch an genug Wasser denken.
Was auch noch Wichtig ist: Auf Klettersteigen, auf denen ne Menge los ist, wird man auch noch eine Menge Tipps von allen anderen Profis bekommen. "Mach diese", "Mach das".
Das ist wie in der Fußgängerzone: Keiner hilft, aber jeder weiß es besser was gemacht werden soll. Haltet die Leute dementsprechend fern. Diligiert Aufgaben. Wenn an der Stelle, an der ihr seit, kein Überholen mehr möglich ist, schnappt euch einen KS-Geher und macht ihm zum Helfer, er soll weiter unten die Leute aufhalten, so dass kein Trubel entsteht. Es gibt da viele Möglichkeiten.

Nun, wie bekomme ich jetzt die Blockade gelöst? Reden ist natürlich ganz wichtig. Auch wichtig sind körperliche Berührungen. Die meisten Menschen finden dies sehr angenehm. Der Arm und Schulter sind gute Orte.
Eine sehr gute Möglichkeit, jemanden zu beruhigen geht über die Atmung.
Physiologisch gesehen ist es so, dass Einatemphasen den Körper anspannen, während Ausatemphasen eher entspannen. Das kann ich beim Sprechen nutzen. Atmet mit dem Betroffenen, führt durch Reden (synchron mit seiner Atmung) die Atmung in eine ruhige Atmung zurück: "Einatmen und laaaaangsam Ausatmen." Es kann ein Zeit dauern, aber es wirkt mit der Zeit. Mit der langsameren Atmung kommt auch mehr Entspannung zurück.
Zusätzlich könnt ihr versuchen seinen Blick auf etwas richten zu lassen. Auf Euch, oder auf den Felsen direkt vor seiner Nase, ... Und er soll erstmal nur dort hinschauen.

Betreut ihn und sagt ihm immer wieder, dass ihr ihn, wenn er das wolle, auf dem Klettersteig bis zum Ausstieg (oder bis Unten) betreuen werdet.

Es kostet manchmal eine Menge Kraft und Gedult, aber die Meisten Leute werdet ihr so vom Klettersteig runterbekommen. Ohne Bergwacht und ohne Gefahr.

Allerdings nur, wenn ihr Euch der Sache gewachsen fühlt und ihr selbst dabei entspannt bleibt. :)
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